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Thorsten Zimmer

Fernunterricht und Wechselunterricht


[Lade hier den Gesamttext als PDF_Aktualisiertes_Dokument_02.07.2020]

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1. Grundsätzliches: Deutschunterricht nicht "neu erfinden"

  • Der Deutschunterricht muss sich in digitalen Lernumgebungen nicht grundsätzlich „neu erfinden“. Auf allen Zugriffsebenen erweist sich die lerner- und kompetenzorientierte Didaktik als tragfähiger Ausgangspunkt zur Etablierung eines Unterrichts, der digitale und analoge Lernumgebungen verbindet oder zeitweise auch ausschließlich in digitalen Umgebungen arbeitet.
  • Dennoch benötigen Fern- und Wechselunterricht einiger grundsätzlicher konzeptioneller Überlegungen und müssen als Situationen des E-Learning oder des Blended-Learning angenommen und verstanden werden. Arbeitszeiten, Motivation, Ausdauer der Schülerinnen und Schüler sowie die spezifischen Arbeits- und Interaktionsformen müssen bei diesen Konzepten berücksichtigt werden. Selbst eine optimale technische Ausstattung in Schule und Elternhaus würde eine direkte Abbildung des ununterbrochenen Vor-Ort-Unterrichts in den digitalen Lernräumen oder durch videogestützte Unterrichtsformen nicht ohne Weiteres ermöglichen.
  • Die Zugriffsebenen zur Beschreibung des Unterrichts und der Unterrichtskonzepte bleiben mit den bisherigen identisch. Die folgenden Überlegungen orientieren sich an bisher Gängigem und blicken auf die didaktischen Grundlagen, die Gestaltung des Lehr-Lernprozesses, die Materialien, die Aufgaben, die Moderation sowie die Diagnose und Rückmeldung.
  • Die Fernunterricht-Situation impliziert große pädagogische, soziale und technische Herausforderungen, die sehr ernst zu nehmen und wichtig sind. Sie sind in den folgenden Thesen mitgedacht, sind aber als solche nicht ausdrücklich Gegenstand der Überlegungen.
  • Die Arbeitsorganisation und die Arbeitsformen im Fern- und Wechselunterricht unterscheiden sich auch für die Schülerinnen und Schüler sehr von denen des permanenten Präsenzunterrichts. Wenn möglich sollten vor den entsprechenden Unterrichtsphasen ein - zur Klassenstufe passendes - Methodentraining zu einzelnen Aspekten durchgeführt werden.

In einem Methodentraining könnte Folgendes geübt und thematisiert werden:

Organisatorische Fragen und Kompetenzen:

  • Ich richte mir einen Arbeitsplatz ein (Hilfsfragen: Wo arbeite ich? Wo lege ich die unbearbeiteten Materialien ab? Wo lege ich die bearbeiteten Materialien ab? Wer druckt mir wann die digitalen Materialien aus? Wann benötige ich PC/ Tablet, wann „reicht“ das Smartphone?)
  • Ich organisiere meine Arbeitszeiten (Hilfsfragen: Wann und wie bekomme ich die Arbeitsaufträge? Wie arbeite ich mit einem Wochenplan/ Halbwochenplan? Wie gehe ich damit um, wenn Arbeitsaufträge offenbar zu viel Zeit beanspruchen?)
  • Ich lasse mich beraten (Hilfsfragen: Welche Möglichkeiten bieten die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer zur Kontaktaufnahme an? Wen kann ich bei grundsätzlichen Fragen ansprechen? In welchen Situationen und wie häufig soll/ kann ich nachfragen?)
  • Ich bilde Lern- und Arbeitsgemeinschaften (Hilfsragen: Mit wem habe ich ohnehin eine gute Kommunikationsmöglichkeit? Bei wem habe ich das Gefühl, dass wir uns bei Fragen und Problemen gut ergänzen bzw. gut miteinander arbeiten können?)

Technische Fragen und Kompetenzen:

  • Welche technischen Möglichkeiten stehen mir zu Hause zur Verfügung? Wo benötige ich grundsätzliche Unterstützung bei der technischen Ausstattung (Hardware und Software)?
  • Wie rufe ich Mails ab und drucke Materialien aus?
  • Wie logge ich mich in die schulspezifischen Plattformen und Programme ein?
  • Welche Programme und Anwendung muss ich mir besorgen bzw. herunterladen?
  • Wie wende ich die schulspezifischen Plattformen und Programme an? Z. B.: Wie arbeite ich mit Moodle? Wie kommuniziere ich in der Schul-Cloud? Wie nehme ich an einer Video-Konferenz teil?
  • An wen wende ich mich bei technischen Problemen?

 

2. Zur Fachdidaktik: Elementarisierung als Grundlage - Deduktives Arbeiten manchmal sinnvoll

  • Grundlage der Unterrichtsgestaltung bildet auch in Situationen des Home-Schooling sowie in Wechselformen zwischen Präsenz- und Heimunterricht die Kompetenz- und Lernerorientierung, wie sie in den gängigen Dokumenten – vor allem den Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss – grundgelegt und beschrieben ist.
  • Auch digitaler oder gemischter Unterricht folgt dem hermeneutisch-diskursiven Prinzip: Ausgehend von individuellen Erstzugriffen wird die Auseinandersetzung mit Lerngegenständen durch Materialbegegnungen und regelmäßigen Austausch schrittweise ausdifferenziert. 
  • Aus vielerlei Gründen – auch aus pragmatischen Gründen im Blick auf die Arbeitsbelastung der Schülerinnen und Schüler wie auch der Lehrerinnen und Lehrer – müssen die Inhalte des Unterrichts elementarisiert Hierbei wird sich um eine quantitative Reduzierung bei Beibehaltung möglichst vieler relevanter Kompetenzen und Kompetenzniveaus bemüht.

 Elementarisierung konkretisiert sich folgendermaßen:

    • Zwar werden möglichst alle relevanten Teilkompetenzen eingeführt und geübt und alle Niveaustufen durchlaufen.
    • Dabei wird aber Exemplarisches an wenigen ausgewählten Beispielen bearbeitet (z. B. wird ein bestimmter Analyseschritt nur an einer Textstelle eines literarischen Textes durchgeführt, nur eine der Nebenfiguren in einem erzählenden Text charakterisiert, nur in einem Abschnitt eines argumentierenden Textes auf die Struktur geblickt, nur an wenigen Sätzen auf die grammatischen oder stilistischen Eigenheiten geblickt, nur ein Teil eines „Aufsatzes“ geplant, geschrieben und überarbeitet …)
    • Die Auswahl des reduzierten Materials muss dabei sehr bewusst und professionell erfolgen: Das Material muss in einem Höchstmaß beispielhaft für die zu erarbeitende/ übende Teilkompetenz sein.
    • Das Elementarisieren braucht eine eigene Bereitschaft seitens der Lehrerin und des Lehrers und die Erfahrung, dass der entsprechende Kompetenzaufbau funktioniert.
  • Didaktische und inhaltliche Reduzierungen und Elementarisierungen erfolgen auf der Grundlage der Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss und vor allem aufgrund der schulinternen Arbeitspläne. Eine schul- oder klassenstufeninterne Absprache ist sinnvoll und wesentlich brauchbarer als ein grundsätzliches Zusammenstreichen der Kompetenzen. Vielleicht kann der hier vorgestellte Entwurf aber als Gesprächsgrundlage und als Orientierungsrahmen bei entsprechenden Überlegungen fungieren. Die einzelnen Teilkompetenzen könnten konkretisiert und ein Stoffverteilungsplan könnte angeschlossen werden.
  • Weiterhin problematisch und herausfordernd sind die schwierigere Moderation einer progressiven Mäeutik sowie das schwierigere Durchführen von Diskursen. Gerade in diesen Bereichen der „personalen Unterrichtssteuerung“ unterscheiden sich Präsenzunterricht und digitale Unterrichtsformen sehr. Interaktive und diskursive Möglichkeiten des digitalen Lernens müssen gesucht und geprüft werden. Teilweise müssen die Defizite anderweitig kompensiert werden. 
  • Digitaler Unterricht kann nicht in allen Phasen konsequent induktiv angelegt sein. Deduktive und instruktive Arbeitsphasen unterstützen das individuelle Lernen, verhelfen zur Diagnose und zur Progression und kompensieren damit teilweise die fehlende Präsenz der moderierenden Lehrerin bzw. des Lehrers. 
  • Umfassende Online-Unterrichtsphasen fördern Recherche-, Lese- und Schreibkompetenzen vielfältig, da die Schülerinnen und Schüler ja – auch in den anderen Fächern - in einem hohen Maß Texte rezipieren und selbst verfassen. Entsprechende Synergien können fächerübergreifend genutzt werden.

 

3. Zum Lehr-Lernprozess: Hermeneutisch-diskursives Lernen im "Halbwochenplan"

  • Der Lehr-Lernprozess bleibt – wie beschrieben – grundsätzlich hermeneutisch-diskursiv angelegt.
  • Der Lehr-Lernprozess folgt den Progressionsschritten

1) Ankommen
2) Entdecken der Fragestellung und Entwickeln von Hypothesen
3) Arbeit am Material und Erstellen von Lernprodukten
4) Präsentation/ Verhandlung der Lernprodukte
5) Rückbezug zur Fragestellung, Sicherung der Ergebnisse
6) Transfer

 

  • Die Zeiträume, die den einzelnen Schritten zugewiesen werden, berücksichtigen die Arbeitsgeschwindigkeit und die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler. Es ist anzustreben, dass alle Schülerinnen und Schüler erkennbar (z.B. an einem Zwischenprodukt) den jeweiligen Schritt geleistet haben, bevor der nächste Schritt begonnen wird.
  • Die Arbeitszeiträume sind großzügiger zu bemessen als im Präsenzunterricht. Grundsätzlich ist eine umfassende Orientierung an individuellen Arbeitsgeschwindigkeiten möglich und sinnvoll. Es kann schwer sein, das Arbeitstempo angemessen einzuschätzen, wenn man die Schülerinnen und Schüler vor allem aus dem Präsenzunterricht kennt. Hier ist es wichtig, ganz bewusst und gründlich zu antizipieren und um Rückmeldung zur Arbeitsbelastung bzw. zu den Arbeitszeiten zu bitten. Hinweis: Damit zu planen, dass Schülerinnen und Schüler sich am häuslichen Schreibtisch 45min lang auf die intensive Arbeit im Fach einlassen, ist unrealistisch und unnötig. Grundsätzlich ist es sinnvoll und ergiebig, mit umfassenderen Arbeitszeiträumen zu planen. Vor allem die Arbeit mit Wochenplänen oder „Halb-Wochenplänen“, an denen ein Aufgabenschritt zwischen Montag und Mittwoch, der nächste zwischen Donnerstag und Folge-Montag zu bearbeiten ist, ist empfehlenswert.

    Achtung: Jüngere Schülerinnen und Schüler benötigen eine Anleitung, wie mit dem Wochenplan oder dem Halbwochenplan umzugehen ist. Evtl. brauchen Sie genauere Hinweise, welcher Arbeitsschritt wann erledigt werden soll. Sie tendieren zu dem Gedanken, es sei ein Zeichen von Zuverlässigkeit, wenn alle Schritte am ersten Tag der Arbeitsphase erledigt.


  • Die Möglichkeit, individuelle Arbeitsgeschwindigkeiten zuzulassen, ist groß. Kollektive Arbeitsphasen und gegenseitige Rückmeldesituationen machen ein einigermaßen homogenes Fortschreiten aber notwendig.
  • Die Prozessfolge, die mit dem Wechsel zwischen kommuniziertem Arbeitsauftrag, erwarteter Aufgaben-Abgabe und – teils individueller, teils kollektiver - Rückmeldung arbeitet, ist adäquat. Share-Points, Schul-Clouds und andere Arbeitsplattformen eignen sich hierfür gut. Auch die E-Mail-Kommunikation ermöglicht diese Vorgehensweise völlig angemessen. Darüber hinaus könne Chat-Gespräche, Forumsdiskussionen, der Einsatz interaktiver Plattformen (z.b. Moodle) eine gute Ergänzung darstellen.

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